Wenn von der Geschichte Deutschlands gesprochen wird, richtet sich der Blick meist auf die Ereignisse innerhalb seiner heutigen Grenzen oder auf die großen Auswanderungsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass deutsche Familien bereits Jahrhunderte zuvor eine bedeutende Rolle in anderen Teilen Europas und der hispanischen Welt spielten.
Die Geschichte Deutschlands wurde nicht ausschließlich in Deutschland geschrieben. Ein Teil von ihr entstand auch in Spanien und in Hispanoamerika.
Zu den eindrucksvollsten Beispielen dieser bislang wenig beachteten historischen Realität gehört die Familie Lisperguer Wittemberg. Ihre Geschichte verbindet Deutschland, Spanien und Chile über mehrere Jahrhunderte hinweg und eröffnet neue Perspektiven für das Verständnis der europäischen Geschichte der Frühen Neuzeit.
Pedro Lisperguer verkörpert diese transnationale Wirklichkeit in besonderer Weise. Als Deutscher, der im Umfeld Kaiser Karls V. und später Philipps II. ausgebildet wurde, führte ihn sein Lebensweg über die Niederlande und England schließlich nach Peru und Chile. Seine Biographie ist keine Geschichte der Auswanderung im modernen Sinne, sondern Ausdruck der politischen und kulturellen Einheit der habsburgischen Monarchie.
Ebenso bemerkenswert ist die Entwicklung der Familie Wittemberg in Spanien. Dort gelang ihr innerhalb weniger Generationen ein außergewöhnlicher sozialer Aufstieg. Ihre Mitglieder waren im internationalen Handel tätig, knüpften enge Beziehungen zur spanischen Aristokratie und nahmen bedeutende Positionen im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes ein. Ihre Geschichte zeigt, dass deutsche Herkunft und vollständige Integration in die spanische Gesellschaft keineswegs Gegensätze waren.
Von besonderer Bedeutung ist auch Luis Joseph Velázquez de Velasco, Marqués de Valdeflores, der über seine mütterliche Linie von den Wittemberg abstammte. Als Mitglied der Real Academia de la Historia gehörte er zu den bedeutendsten Gelehrten der spanischen Aufklärung. Seine Werke fanden Eingang in die deutsche Wissenschaft durch Johann Andreas Dieze und wurden später von Emil Hübner für das Corpus Inscriptionum Latinarum herangezogen. Auch auf diesem Gebiet zeigt sich die enge Verbindung zwischen der deutschen und der spanischen Gelehrtenwelt.
In Chile hinterließ die Familie Lisperguer schließlich ein Erbe von außergewöhnlicher historischer Bedeutung. Über Generationen gehörte sie zu den einflussreichsten Familien des Landes. Aus ihr ging Catalina de los Ríos y Lisperguer – La Quintrala hervor, eine Persönlichkeit, die bis heute zu den bekanntesten Figuren der chilenischen Geschichte und Literatur zählt.
Die Geschichte der Lisperguer Wittemberg ist deshalb weit mehr als die Geschichte einer einzelnen Familie. Sie zeigt beispielhaft, wie eng Deutschland, Spanien und Hispanoamerika bereits seit dem 16. Jahrhundert miteinander verbunden waren. Zugleich macht sie deutlich, dass zahlreiche Kapitel deutscher Geschichte noch außerhalb der traditionellen nationalen Perspektive geschrieben werden müssen.
Vielleicht ist es an der Zeit, diese Familien nicht länger als Randerscheinungen der deutschen Geschichte zu betrachten, sondern als einen integralen Bestandteil der europäischen Vergangenheit. Denn die Geschichte Deutschlands endet nicht an seinen Grenzen.Veröffentlichte Monographien
Die Ergebnisse dieser Forschungen wurden in folgenden Monographien veröffentlicht:
Los Lisperguer Wittemberg: una familia alemana en el corazón de la Monarquía Hispánica.
El conquistador alemán Pedro Lisperguer Wittemberg: de cortesano de Carlos V y Felipe II a célebre precursor de Chile.
Concesión de la Cruz de la Orden de Franz Joseph a Carlos Boríes, gobernador de Magallanes (1898–1904).

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